Archiv für Januar 2009

Von wegen Gemütlichkeit: Die letzten linken Studierenden sitzen in Jena

Das Interview [auch die Kommentare lesen =) ] schlug hohe Wellen, „Sie sind unter uns“ wird getitelt oder und alles in den richtigen Zusammenhang gebracht. Auch das Campusradio positioniert sich („[…]um sich dem braunen Treiben zu widersetzen wird in Dresden eine antifa organsiert um den Widerstand zu demonstrieren[…]“ Achso?): Wir sind dagegen. Fast drollig erscheint in diesem Zusammenhang, dass die unsäglichste Meinung von einem Unique-Redakteur höchstpersönlich stammt, mit dem eigentlichen Thema („Sollten wir Rechten wirklich einen Sendeplatz geben?“) anscheinend nichts zu tun hat und nur hier überhaupt Erwähnung findet:

Der dritte Weltkrieg
Hallo, mein Name ist Luca. Ich bin heute 6 Jahre alt. Ich würde bald in die Schule kommen, wenn ich für meine Mama und meinen Papa damals nicht gerade zu einer ungünstigen Zeit gekommen wäre. Es ist Krieg. Nur anders als wir es uns jemals vorgestellt haben. In diesem Krieg gibt es nur Verlierer. Wir sind Opfer und Täter gleichzeitig. Das Ziel unseres Krieges ist die Selbstverwirklichung. Dafür sind wir bereit einen hohen Preis zu zahlen. Wir opfern uns auf und kämpfen hart. Ging es im Zweiten Weltkrieg um die Verwirklichung einer kollektiven Rasselehre, so ist es nun die Verwirklichung desIndividuums. Das „unwerte“ Leben sind nun die mehr als 100.000 Föten, die allein in Deutschland jedes Jahr getötet werden. Dabei sind weniger als 3% aller Abtreibungen medizinisch oder kriminell begründet. Bedenkt man, dass dieser Krieg nun schon viele Jahrzehnte andauert, hat er vermutlich schon die größte Zahl an unbeteiligten und zivilen Opfern aller bisherigen Kriege. Wir verstecken uns so sehr hinter der Frage „Wann ist ein Mensch ein Mensch?“, dass wir ganz verpassen darüber nachzudenken, was das Töten unmoralisch macht. Ist es vielleicht doch grundsätzlich falsch, weil man das Opfer seiner Zukunft beraubt? Das sagt zumindest Don Marquis‘ „Valuable-future-like-ours“-Theorie. Das gilt dann ja auch für den ungeborenen Menschen im Mutterleib.1

  1. http://www.unique-online.de/ausgaben/unique_ausgabe_45.pdf, S. 15 [zurück]

Probiers mal mit Gemütlichkeit #2

Diesmal in der Abbe-Mensa:

12 Uhr: Im Abwaschraum steht Marianne Barthel mit einer weißen Schürze und Kappe, die sie mit einer Haarnadel befestigt hat. Sie sortiert das Geschirr in die Spülmaschine, das sich auf grauen Tabletts über die grünen Gummibänder in die Küche schiebt. „Manchmal stapeln die Leute alles aufeinander“, sagt sie. „Das kostet ziemlich viel Zeit beim Einsortieren.“ Barthel wirkt trotz der Fließbandarbeit nicht gestresst. Ein gutes Team seien sie hier, meint Küchenchef Schubart. Die Arbeit funktioniere reibungslos und wenn mal jemand krank wird, könne er sich auf die anderen verlassen. 1

  1. Essen für Millionen. Ein Blick in den Kochtopf: Die Abbe-Mensa wird zehn Jahre alt, http://www.akruetzel.de [zurück]

Es gibt Meinungen, deren Ungeschicklichkeit liegt in ihrer Unzeitigkeit.#2

Ich habe eine neue Wohnung im Stadtzentrum. Endlich raus aus Lobeda-Ost und rein in die Stadt Jena. Das ist so, als würde man vom Gaza-Streifen nach Malmö umziehen. Ich wohne ab März in einer WG, die mal eine Arztpraxis war. In die Wohnung führt ein Aufzug, so wie in den beschissenen Pseudo-WGs in GSZS. Der Flur ist so groß, dass ich überlege dort regelmäßig Basketballturniere stattfinden zu lassen. Oder eine Bloglesung.1

Dass dieser Vergleich eher schief als eben erscheint, brauch wohl nicht betont zu werden. Auffällig ist nur, dass eben jener Blogger auf schiefe Vergleiche steht.

Ich traue mich nicht auszusprechen, was ich über die israelische Regierung momentan denke. Ich möchte sie am liebsten mit einer ganz bestimmten Sache vergleichen, aber das darf man ja nicht. Deswegen tue ich es auch nicht. Ich bin der Meinung, dass es die Angelegenheit Israels ist, diesen Konflikt zu lösen, reagiert man ja auf eigenem Grund und Boden. Die Welt schaut wie immer zu und scheitert an den hohen Mauern der Diplomatie.2

  1. http://chaosplanet.phlekmaz.de/ [zurück]
  2. Ebd. [zurück]

Die Masse machts schon

Im neuen Erfurter Magazin hEFt wird versucht, dem Verhältnis von Stadt, Uni und Kultur auf den Grund zu gehen. Dabei wird festgestellt: Besser ists immer bei den anderen. In Erfurt gibt es lediglich 9.000 Studierende, die Studierendenstädte Münster und Jena seien hingegen kaum vorstellbar ohne ihre Hochschulen.

Dort, so die Vermutung, prägen Studierende das kulturelle Leben ihrer Stadt entscheidend mit. Und in Erfurt? Ketzerisch formuliert, verhält es sich wie mit dem Flughafen: das eine (Kultur) könnte auch ohne das andere (Hochschulen).1

Schuld an der mangelhaften Beteiligung der Studierenden am kulturellen Leben seien zum einen die im Rahmen der Bologna-Reform eingeführten Abschlüsse Bachelor und Master, die eine stärkere Normierung der Studierenden mit sich bringt und somit außeruniversitäre Beteiligungen selten werden lässt. Hinzu geselle sich eine ebenso im Zuge der Bologna-Reform aufkommende pragmatische Mentalität mit der die Studierenden ihr direktes Lebensumfeld ausblenden und eher „[…]pragmatisch [am persönlichen Lebenslauf] Feilen[…]“2.

Dummerweise bleibt dann aber das kreative Potential aus Weber, Habermas, Musil und Konsorten stadträumlich im Verborgenen. Zu wenig lockt die Versuchung, über theoretische Konstrukte wie Grassroot-Aktivismus und Empowerment nicht nur für die nächste Prüfung nachzudenken.3

Es sei dem Artikel nur eins zugefügt: Die Masse machts eben nicht. Der Studierendenanteil in Jena (30 Prozent) ist kein Garant für eine Gegenöffentlichkeit, da er selbst eine Öffentlichkeit und Zielgruppe bildet. In einer „Studi-Stadt“ wie Jena bilden sich dann kulturelle Festungen und Leitmedien, deren Einfluss auf das direkte Lebensumfeld (abseits vom reinen Kulturkonsum) fraglich ist. Und was fehlt: „[…] Leerstand auf dem Immobilienmarkt […]“4.

  1. die leiden der jungen bewerber, Zum Verhältnis von Stadt, Uni und Kultur, In: hEFt, brust oder keule, grundbedürfnisse Januar 2009. [zurück]
  2. Ebd. [zurück]
  3. Ebd.; zum Beispiel: Graswurzel-Journalismus [zurück]
  4. Ebd., In Erfurt herrscht Leerstand auf dem Immobilienmarkt, der, wie in anderen Städten, als kostengünstiger Nährboden und Experimentierfeld genutzt werden könnte, so der Autor. [zurück]