Die Masse machts schon

Im neuen Erfurter Magazin hEFt wird versucht, dem Verhältnis von Stadt, Uni und Kultur auf den Grund zu gehen. Dabei wird festgestellt: Besser ists immer bei den anderen. In Erfurt gibt es lediglich 9.000 Studierende, die Studierendenstädte Münster und Jena seien hingegen kaum vorstellbar ohne ihre Hochschulen.

Dort, so die Vermutung, prägen Studierende das kulturelle Leben ihrer Stadt entscheidend mit. Und in Erfurt? Ketzerisch formuliert, verhält es sich wie mit dem Flughafen: das eine (Kultur) könnte auch ohne das andere (Hochschulen).1

Schuld an der mangelhaften Beteiligung der Studierenden am kulturellen Leben seien zum einen die im Rahmen der Bologna-Reform eingeführten Abschlüsse Bachelor und Master, die eine stärkere Normierung der Studierenden mit sich bringt und somit außeruniversitäre Beteiligungen selten werden lässt. Hinzu geselle sich eine ebenso im Zuge der Bologna-Reform aufkommende pragmatische Mentalität mit der die Studierenden ihr direktes Lebensumfeld ausblenden und eher „[…]pragmatisch [am persönlichen Lebenslauf] Feilen[…]“2.

Dummerweise bleibt dann aber das kreative Potential aus Weber, Habermas, Musil und Konsorten stadträumlich im Verborgenen. Zu wenig lockt die Versuchung, über theoretische Konstrukte wie Grassroot-Aktivismus und Empowerment nicht nur für die nächste Prüfung nachzudenken.3

Es sei dem Artikel nur eins zugefügt: Die Masse machts eben nicht. Der Studierendenanteil in Jena (30 Prozent) ist kein Garant für eine Gegenöffentlichkeit, da er selbst eine Öffentlichkeit und Zielgruppe bildet. In einer „Studi-Stadt“ wie Jena bilden sich dann kulturelle Festungen und Leitmedien, deren Einfluss auf das direkte Lebensumfeld (abseits vom reinen Kulturkonsum) fraglich ist. Und was fehlt: „[…] Leerstand auf dem Immobilienmarkt […]“4.

  1. die leiden der jungen bewerber, Zum Verhältnis von Stadt, Uni und Kultur, In: hEFt, brust oder keule, grundbedürfnisse Januar 2009. [zurück]
  2. Ebd. [zurück]
  3. Ebd.; zum Beispiel: Graswurzel-Journalismus [zurück]
  4. Ebd., In Erfurt herrscht Leerstand auf dem Immobilienmarkt, der, wie in anderen Städten, als kostengünstiger Nährboden und Experimentierfeld genutzt werden könnte, so der Autor. [zurück]

2 Antworten auf “Die Masse machts schon”


  1. 1 j. 10. Januar 2009 um 2:52 Uhr

    ist eine gegenöffentlichkeit nicht qua selbstlaut immer auch öffentlichkeit, läuft das argument im letzten absatz nicht also völlig ins leere?

  2. 2 rosaextrablatt 10. Januar 2009 um 12:36 Uhr

    Natürlich ist Gegenöffentlichkeit auch Öffentlichkeit, am Beispiel Jena eben die studentische Öffentlichkeit, studentische Sphäre, die ihre eigenen Medien, ihre eigenen Anlaufpunkte hat und somit eher eine Parallelöffentlichkeit bildet. Aus dieser Paralellöffentlichkeit heraus entsteht keine Gegen-, meinetwegen auch Sub-, Kultur, wie es der Autor des hEFt-Artikel aufgrund einer größeren Studierendenanzahl in Jena vermutet.

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