Aus aktuellem Anlass: Das Konzept »Volk« in der »jungen Welt«

Auszug aus einer sprachwissenschaftlichen Arbeit über den Verbalantisemitismus in der linken Tageszeitung »junge Welt«. Hierbei wurden Artikel, die vom 01.01.2009 bis 29.02.2009 erschienen sind, analysiert.

Im dogmatischen Begriff des Volkes aber, der Anerkennung des vorgeblichen Schicksalszusammenhangs zwischen Menschen als der Instanz fürs Handeln, ist die Idee einer vom Naturzwang emanzipierten Gesellschaft implizit verneint. (Theodor W. Adorno)

Die auffällig häufige Verwendung des Lexems Volk und Determinativkomposita mit dem Head Volk, sowie die vielfache Verwendung von Lexemen aus dem semantischen Feld Dorf, Land um auf Palästina zu referieren, und die im Gegensatz dazu verwendeten Lexeme, die auf Israel referieren, erfordert eine genauere Betrachtung des Konzeptes Volk.1 Eine quantitative Untersuchung der Artikel der jW ergab, dass das Lexem »Volk« und »Bevölkerung« in Verbindung mit dem Adjektiv »palästinensisch« in fast jedem Artikel verwendet wurde. Im Vergleich dazu ist das Lexem »Armee« sehr häufig, »Bevölkerung« in Verbindung mit dem Adjektiv »israelisch« jedoch sehr selten zu finden. Ausgehend von Thomas Haurys Analyse des Antisemitismus von links (Haury, 2002) und der von Klaus Holz aufgestellten Theorie vom »nationalen Antisemitismus« (Holz, 2002) soll untersucht werden, inwieweit Äußerungen antisemitisch sind, die das »gute« palästinensische Volk zum »bösen« israelischen Staat in Stellung bringen.
Die These lautet, dass in diese Gegenüberstellung antisemitische Stereotype des modernen Antisemitismus einfließen und auf den israelischen Staat übertragen werden. Nach Haury bedarf das Konzept Volk permanenter Kommunikation zur Simulation, Bestätigung und Stabilisierung des Konzeptes.2 Hierbei werden vier Strategien aufgeführt:»[. . . ] die Insenzierung von Gemeinschaft, die Naturalisierung und Ethnisierung von Gemeinschaft, die Konstruktion einer identifikationsfähigen Nationalgeschichte sowie die Selbstidentifikation durch Feindmarkierung [. . . ]« (Haury, 2002, 55). Diese Konstruktion von identitären Kollektiven ist ebenso Teil des antiimperiastischenWeltbilds und Grundlage einer unkritischen Identifizierung mit dem »Volk«. In Haurys historischen Fallstudien wurde erörtert, inwiefern die Juden als »Feinde« der Nation, als »Volksfeinde« und die Eigengruppe »der Deutschen« als sich konträr gegenüberstehende Kollektive mit bestimmten Wesenseigenschaften vorgestellt wurden. Die Behauptung von vorgängiger »Natur« oder »Wesenhaftigkeit«, durch die die Angehörigen der Kollektive unabänderlich bestimmt sind, macht diese Gemeinschaften zu identitären Kollektiven. In der jW erfolgt eine Konzeptualisierung der Palästinenser als identitäres Kollektiv. Die Strategien zur Konstruktion von »Volk« und »Nation« sind in der jW in der Referenz auf Palästina und die Palästinenser zu finden. Zum einen ist die Strategie der Konstruktion einer identifikationsfähigen Volksgeschichte zu erkennen, die zum Beispiel die »Vertreibung« der Palästinenser thematisiert:

Die Koppelung von arabischem Patriotismus und Nationalismus verstärkte sich im Libanon, als die aus Israel vertriebenen Palästinenser 1948 in das Land kamen. Sie wurden in sogenannte Flüchtlingslager gepfercht, die es heute noch gibt. (Samaha, Imad: Globalisierter Krieg. Der Libanon und der Nahe Osten: Von der kolonialen Vorgeschichte der Gründung Israels bis zum heutigen Militärkapitalismus, In: rosa luxemburg konferenz 2009/Beilage der jW/28.01.2009.)

Ein weiterer Bestandteil dieser Volksgeschichtskonstruktion ist die zahlreiche Thematisierung und Verharmlosung der PLO, Hamas und Fatah und die Nichtakzeptanz dieser Organisationen durch die USA und Israel.

Mit großer Mehrheit haben die Palästinenser Hamas gewählt, um sie zu vertreten. Danach beschlossen die USA und Israel, daß die Palästinenser falsch gewählt hatten, und sie versuchen seitdem, Hamas zu zerstören. Zuvor wandten sich USA und israelischer Staat in derselben Weise gegen die Fatah und gegen die PLO. (Flounders, Sara: Bollwerk der Reaktion. Die endlosen Kriege verwickeln den US-Imperialismus in unlösbare Widersprüche. DieWahl Barack Obamas ist ein Versuch, sie zu bewältigen. Auszüge aus dem Referat, In: rosa luxemburg konferenz 2009/Beilage der jW/28.01.2009)

Hier wird das antisemitische Stereotyp vom Juden als »Volksfeind« und vom Juden als »Feind der Nation« verbalisiert. Dies wird, markiert durch das Verballexem zerstören, auf den Staat Israel übertragen, der die vom palästinensischen Volk gewählte Vertretung vernichten will. Die Strategie der Inszenierung von Gemeinschaft wurde bereits in der Lexemanalyse mit dem Hinweis auf die Lexeme, die auf die handelnden Akteure referieren, angedeutet. Auf die palästinensischer Seite wird meist mit Lexemen referiert, deren Bedeutungen mit KOLLEKTIV, NAMENLOS beschrieben werden können. Die Akteure auf israelischer Seite sind Einzelpersonen und Amtsinhaber. Durch diese Gegenüberstellung werden die Palästinenser als Kollektiv der Opfer dargestellt.

Unter den Toten sind 437 Kinder, 110 Frauen und 123 ältere Menschen. Weitere 5450 Menschen–1855 Kinder und 795 Frauen–wurden verletzt. (Göbel, Rüdiger: Gaza bleibt gesperrt, In: jW/23.01.2009/Seite 1.)

Durch die Zahladjektive als nähere Bestimmung der Lexeme Kinder, Frauen und Menschen werden die Palästinenser als kollektive Menge bestehend aus harmlosen Zivilisten beschrieben. Die Wörter Kinder, Frauen, Menschen sind positiv konnotiert und als »schwacher, hilfloser« Teil einer Bevölkerung mental gespeichert. Das Referieren mittels dem Lexem Kollektiv oder mit Determinativkomposita, die Kollektiv als 2. UK aufweisen, sowie die Verwendung des Adjektivs kollektive sind charakteristisch für das Referieren auf Palästina. Die Bedeutung des Wortes, also GEMEINSCHAFT, VERBUNDEN erweist sich, ebenso wie Volk und Nation als eine »imagined community«. Mit Hilfe dieses Lexems wird der Staat Israel, z.Bsp. die israelische Armee, in Stellung gegen die Palästinenser gebracht.

Die unverhältnismäßigen und willkürlichen Restriktionen, die die israelische Armee gegen den Waren- und Personenverkehr in den Gazastreifen hinein und von dort hinaus verhängt, stellen außerdem eine kollektive Bestrafung der gesamten Bevölkerung dar. (Verleger, Rolf: Kollektive Bestrafung. Israels Verbrechen an der Zivilbevölkerung in Gaza,
In: jW, 28.01.2009/Seite 10.)

Neben der einseitigen Berichterstattung, die israelische Handlungen als unverhältnismäßig und willkürlich beschreibt, wird die palästinensiche Bevölkerung, mit dem positiv konnotierten Lexem Bevölkerung beschrieben, der israelischen Armee gegenübergestellt. Die Wortgruppe kollektive Bestrafung referiert auf die Angriff Israels Anfang 2009.
Hier ist die dritte Strategie der Inszenierung eines Volkes, die Identifizierung durch Feindmarkierung, zu erkennen. Als Feind des palästinensischen Volkes ist der Staat Israel ausgemacht, der die Bevölkerung kollektiv bestraft. Mit der Wortgruppe kollektive Bestrafung wird auf die israelischen Angriffe der »Operation Gegossenes Blei« referiert. In dieser Argumentation werden antisemitische Stereotype verbalisiert. Die antisemitische Konzeptualisierungen (der Jude als omnipotenter Feind, als dämonische Erscheinung) werden auf Israel übertragen. Demgegenüber steht das »gute« Volk der Palästinenser (Frauen, Kinder, alte Menschen). Diese Gegenüberstellung wird in »[. . . ] binäre[n] Gegensatzpaare[n] [. . . ]« (Haury, 2002)3vom »bösen« Staat Israel und dem »guten« Volk der Palästinenser verbalisiert: willkürlich/unschuldig, kriegführend/verletzt, Besatzer/Besetzte, Kriegsverbrecher/Befreiungskämpfer, einmarschieren/vertrieben werden, besetzen/unterdrückt werden, abriegeln/eingepfercht sein. Israel wird somit als »totaler Feind« beschrieben, den man bekämpfen muss. Auch hier wiederholt sich die Projektion antisemitischer Stereotype auf Israel und das Einfliessen antisemitischer Konzeptualisierungen in die vermeintliche Israelkritik. Antisemitische Schriften mit Titeln wie »Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judenthum« von Hermann Ahlwardt aus dem 19. Jahrhundert können durch das Auswechseln der Lexeme zu potentiellen Titeln eines israelkritischen Artikels der jW werden: Der Verzweiflungskampf des palästinensischen Volkes mit Israel.
Die vierte Strategie zur Konstruktion von »Volk« und »Nation« beschreibt Haury als die Naturalisierung und Ethnisierung von Gemeinschaft. In der jW wird dem Staat diese »Natürlichkeit« abgesprochen. Hierbei werden antisemitische Stereotype (der Jude als Wurzelloser,Juden sind nicht »völkisch«) auf den israelischen Staat übertragen.

Ich behaupte noch dazu, daß diese schwarzen Sklaven mehr untereinander verbindet als die Jüdinnen und Juden, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus allen Himmelsrichtungen nach Palästina zusammengetrommelt wurden, obwohl sie aus verschiedenen Stämmen kamen und vielen heidnischen Religionen angehörten. Was wäre, wenn die Schwarzen der USA heute einen eigenen Staat beanspruchen würden? Anfang des 20. Jahrhunderts, waren da die Jüdinnen und Juden ein Volk? Eine Nation? Oder eine Religionsgemeinschaft? (Göbel, Rüdiger: »Die Widerständler sind die Kinder der Bevölkerung«. Gespräch mit Mamdouh Habashi. Über den Widerstand der Hamas, die Friedensunfähigkeit des zionistischen Staates Israel und deutsche Linke auf Abwegen, In: jW, 10.01.2009/Seite 1)

Mit dem Verb verbinden wird auf den eine Gemeinschaft zusammenhaltenden Fixpunkt referiert, der nicht näher bestimmt werden muss. Diese Verbindung wird den Jüdinnen und Juden durch den Vergleich mit den schwarzen Sklaven abgesprochen. Durch die rhetorische Frage Anfang des 20. Jahrhunderts, waren da die Jüdinnen und Juden ein Volk? und die Steigerung durch die Wiederholung rhetorischer Fragen mit gleicher Implikaturen-Lesart wird den Juden abgesprochen, ein Volk zu sein. Hierbei wird das antisemitische Stereotyp vom »wurzellosen« Juden verbalisiert. Die Palästinenser hingegen werden als mit dem Land Verwurzelte beschrieben:

Es (die Palästinenser) sind aber keine Fremdlinge, sondern in ihrer Mehrheit die Nachkommen der früheren Einwohner des heutigen Israels: Flüchtlinge und Vertriebene aus Israel vor, bei oder nach der Staatsgründung. (Verleger, Rolf: Kollektive Bestrafung. Israels Verbrechen an der Zivilbevölkerung in Gaza, In: jW, 28.01.2009/Seite 10.)

  1. Weitere Konzepte, die zukünftig analysiert werden könnten wäre das Konzept von „Moderne“ und „Kapitalismus“. Für die jW ist zu sagen, dass es keine expliziten Manifestationsformen antisemitischer Stereotype wie zum Beispiel das des „Geldjuden“ oder des „Wucherers“ zu finden sind. [zurück]
  2. Eine genaue Analyse der Entwicklung zu einem soziologischen Begriff der »Nation« kann hier nicht geleistet werden. Es sei auf u.a. Haury und Holz verwiesen. Als Grundlage soll hierbei die Definition von Volk in Anlehnung an Holz und Haury übernommen werden und als Basis der Analyse gelten. Volk ist eine »imagined community«, deren Existenz und Identität in einem absolut gesetzten Fixpunkt verankert ist und aus diesem hergeleitet wird. Charakteristisch für diesen Fixpunkt ist, dass er als vorgegeben gilt und nicht hinterfragt wird. Daraus folgt, dass die Existenz der Gemeinschaft (respektive auch Volk) nicht aufgrund einer Entscheidung ihrer Mitglieder besteht sondern Bestimmung ist. [zurück]
  3. Haury bringt Beispiele antisemitischer Stereotype, die »den Juden« der Eigengruppe der Deutschen gegenüberstellt, z.Bsp.: Arbeitsscheue/Arbeitsfreude, raffendes/schaffendes Kapital, Ausbeutung/Arbeit, Habgier/Bescheidenheit, Selbstsucht/Gemeinsinn, Egoismus/Aufopferung, zersetzend/staatenbildend, abstrakt-wurzellos/konkret-bodenständig, oberflächliche Zivilisation/wahre Kultur (Haury, 2002, 110) [zurück]

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