Antisemitismusvorwürfe und die junge Welt – »Der denunziatorische Eifer von Blockwarten«

Im Analysezeitraum gab es mehrere Artikel, die sich mit Antisemitismusvorwürfen auseinandergesetzt haben. In dieser Debatte lassen sich Konzeptualisierungen des sekundären Antisemitismus erkennen. Gehäuft findet man eine Kritik an der Erinnerungskultur oder an dem angeblichen Meinungsdiktat bezüglich einer Israelkritik vor. Anhand eines Artikels von Werner Pirker 10 mit dem Titel »Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal«1 sollen antisemitische Verbalisierungsformen aufgezeigt werden, die in der Antisemitismusforschung als sekundärer Antisemitismus bezeichnet werden.2

(18) Wer in Deutschland einen Handelsboykott gegen Israel fordert, kann sicher sein, daß ihm der Subtext »Kauft nicht bei Juden« unterschoben wird (1). Es ist zudem nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Richterstuhl der politischen Korrektheit in ein ordentliches Gericht verwandelt, in dem Boykottaufrufe gegen die nahöstlichen Kriegstreiber unter der Anklage der Volksverhetzung stehen. (Pirker, Werner: Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal, In: jW, 28.02.2009/Wochenendbeilage/Seite 3.)

In (18) referiert Pirker auf die Antisemitismusvorwürfe, die aufgrund des Boykottaufraufs Dierkes geäußert wurden. Mit dem verbalen Lexem unterschieben wird die Äußerung des Antisemitismusvorwurfs beschrieben. Das negativ konnotierte Verb beschreibt böswilliges unterstellen, eine Behauptung von etwas Falschem mit böser Absicht. Kritik am Antisemitismus ist demnach nicht berechtigt, sondern eine böswillige Unterstellung oder gänzlich falsch. Der indirekte Sprechakt (18.1) kritisiert weiterhin eine angebliche Meinungszensur in Deutschland, die bezüglich legitimer Israelkritik herrscht. Auf den Inhalt der Kritik wird mit dem Lexem Subtext referiert. Subtext trägt die Bedeutung GEMEINTES, BEDEUTUNG, NICHT EXPLIZIT GEÄUSSERT. Der Inhalt des Subtexts wird mit der Wortgruppe Kauft nicht bei Juden verbalisiert. Diese ist der Sprache der Nationalsozialisten entnommen. Mit dem am 01. April 1933 offiziell beginnenden Boykott jüdischer Geschäfte, Arztpraxen und Rechtsanwälte wurden diese und ähnliche Schriftzüge an Geschäfte und Praxen angebracht. Dieser Boykott war Teil der gezielten Vernichtung des europäischen Judentums. Diese Wortgruppe wird explizit wiederaufgenommen.

(19) Wer die zionistische Gewaltorientierung einer grundsätzlichen Kritik unterzieht, wer es auch noch wagt, ökonomische Strafmaßnahmen gegen die andauernde Verletzung des Völkerrechts zu fordern, weil ohne westliches Sponsoring die israelische Kriegspolitik längst an ihre Grenzen gestoßen wäre, der sieht sich in die Rolle eines antisemitischen Randalierers gestellt, der »Kauft nicht beim Juden« grölt. (Pirker, Werner: Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal, In: jW, 28.02.2009/Wochenendbeilage/Seite 3.)

Mit (19) wird abermals auf die Wortgruppe referiert. Durch die Repitition wer die zionistische…/wer es auch noch wagt… wird die Dringlichkeit und Rechtmäßigkeit der Kritik am Zionismus und an Israel verstärkt. Diese »guten« Kritiker stehen einem Meinungsdiktat gegenüber. Das Lexem gestellt werden beschreibt die Kritik am Antisemitismus als ein Meinungsdiktat, dass jegliche vermeintlich »ungefährlichen« Äußerungen kritisiert und den/die SprachproduzentInnen absichtlich verleumdet.
In der Abwehr der Antisemitismuskritik wird der Wunsch nach nationaler Entlastung und einem Ende der Erinnerungskultur verbalisiert, wenn die Kritik, wie in (20), implizit als eine ewige Erinnerung an Auschwitz gekennzeichnet wird.

Weil der zurückgetretene Duisburger OB-Kandidat die Möglichkeit eines Boykotts israelischer Waren in Erwägung gezogen hatte, wird ihm eine Schuld unterstellt, die bis an die Rampe von Auschwitz zurückreicht. (Pirker, Werner: Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal, In: jW, 28.02.2009/Wochenendbeilage/Seite 3.)

Antisemitismuskritik wird als Meinungsdiktat delegitimiert, wenn indirekte Vergleiche mit dem Nationalsozialismus gezogen werden, wenn die Kritik mit dem in der jW pejorativ konnotierten Adjektiv antideutsch beschrieben oder als diffamierend und verräterisch charakterisiert wird.

Die Unkultur der »Antideutschen« ist mittlerweile zur deutschen Leitkultur aufgestiegen. Besonders exzessiv wird sie in Teilen der Linkspartei gepflegt. Davon zeugt nicht nur die prozionistische pressure group »BAK Shalom«, die bei der Entlarvung von Antizionismus und Antiamerikanismus den denunziatorischen Eifer von Blockwarten der westlichen Wertegemeinschaft an den Tag legt.(Pirker, Werner: Werner: Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal, In: jW, 28.02.2009/Wochenendbeilage/Seite 3.)

Mit dem negativ konnotierten Lexem Leitkultur wird auf die Debatte um die Integration von MigrantInnen referiert, die 2000 und 2007/2008 politische Diskussion um Integration und Multikulturalismus dominierte. Die Wortgruppe Unkultur der Antideutschen referiert auf die Solidarität dieser Strömung mit dem Staat Israel und auf das Ablehnen eines spezifisch deutschen Nationalismus. Mit dem Wissen um die marginale Rolle, die »die Antideutschen« in
der deutschen Öffentlichkeit spielen (Verfassungsschutzbericht, 2008) und der Kenntnis der empirischen Befunden über die antisemitischen Einstellungen in Deutschland (Leibold & Kühnel, 2009) sowie den Kenntnisstand über den Antisemitismus der Mitte, ist die Aussage in (21) eine Übertreibung. Mit dem Lexem Blockwart wird ein der Organisationsstruktur des Nationalsozialismus entspringendes Substantiv verwendet. Als Blockwarte wurden die rangniedrigsten Funktionäre der NSDAP bezeichnet. Mit diesem Lexem werden die Mitglieder des BAK Shalom indirekt mit Nationalsozialisten und deren »Arbeit« gleichgesetzt. Außerdem ist die Implikatur ISRAELKRITIKER/INNEN SIND ÄHNLICHEN REPRESSIONEN AUSGESETZT, WIE VERFOLGTE DES NATIONALSOZIALISMUS möglich. Dies passt in die linksdeutsche, antifaschistischen Tradition, der sich die jW zugehörig fühlt. Damit wird die Verfolgung und Denunzierung während des Nationalsozialismus bagatellisiert als auch die legitime Kritik am Antisemitismus ad absurdum geführt.
Abwehr der Antisemitismuskritik und Legitimierung von Israelkritik sind weiterhin antisemitisch, wenn als persuasive Strategie jüdische oder israelische Autoritäten herangezogen werden. Die »jüdischen Kronzeugen« sind diejenigen, die qua ihres jüdischen Glaubens die Rechtmäßigkeit der Israelkritik messen und über die antisemitische Qualität von Aussagen richten können und dürfen. Zum Beispiel werden Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, folgende Fragen gestellt.

(22) Ist es für Sie antisemitisch, zum Boykott israelischer Exportwaren aufzurufen, wie es Hermann Dierkes, der Duisburger OB-Kandidat der Linkspartei gemacht hat? Er ist am Donnerstag nach massiven Angriffen auch aus der eigenen Partei als Fraktionsvorsitzender zurückgetreten. (»Ich rufe schon seit langem zum Boykott auf«. Der Zentralrat der Juden hat sich zum Sprachrohr der israelischen Regierung gemacht. Ein Gespräch mit Evelyn Hecht-Galinski, In: jW, 27.02.2009/Seite 8.)

(23) Ein Boykottaufruf wird hierzulande schnell polemisch zu dem Faschistenspruch umgemünzt: »Kauft nicht beim Juden«. Sollte man solche Appelle nicht unterlassen? (»Ich rufe schon seit langem zum Boykott auf«. Der Zentralrat der Juden hat sich zum Sprachrohr der israelischen Regierung gemacht. Ein Gespräch mit Evelyn Hecht-Galinski, In: jW, 27.02.2009/Seite 8.)

  1. Werner Pirker ist langjähriger Autor der jW. Aufgrund des Antisemitismus und Antiamerikanismus innerhalb der Redaktion der jW kam es 1997 zur Spaltung, die zur Gründung der Wochenzeitschrift jungle world führte. Bereits zu der Zeit wurde besonders Pirkers Antisemitismus kritisiert. [zurück]
  2. Wenn man noch von »den Antideutschen« sprechen kann, so kennzeichnet sie die Solidarität mit dem Staat Israel und das Ablehnen eines spezifisch deutschen Nationalismus (Verfassungsschutzbericht, 2006). »Den Höhepunkt ihres Einflusses auf den traditionellen Linksextremismus hat die ›antideutsche‹ Strömung inzwischen überschritten. Ihr wird in der Szene kaum noch Aufmerksamkeit entgegengebracht« (Verfassungsschutzbericht, 2008). [zurück]

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