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Antisemitismusvorwürfe und die junge Welt – »Der denunziatorische Eifer von Blockwarten«

Im Analysezeitraum gab es mehrere Artikel, die sich mit Antisemitismusvorwürfen auseinandergesetzt haben. In dieser Debatte lassen sich Konzeptualisierungen des sekundären Antisemitismus erkennen. Gehäuft findet man eine Kritik an der Erinnerungskultur oder an dem angeblichen Meinungsdiktat bezüglich einer Israelkritik vor. Anhand eines Artikels von Werner Pirker 10 mit dem Titel »Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal«1 sollen antisemitische Verbalisierungsformen aufgezeigt werden, die in der Antisemitismusforschung als sekundärer Antisemitismus bezeichnet werden.2

(18) Wer in Deutschland einen Handelsboykott gegen Israel fordert, kann sicher sein, daß ihm der Subtext »Kauft nicht bei Juden« unterschoben wird (1). Es ist zudem nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Richterstuhl der politischen Korrektheit in ein ordentliches Gericht verwandelt, in dem Boykottaufrufe gegen die nahöstlichen Kriegstreiber unter der Anklage der Volksverhetzung stehen. (Pirker, Werner: Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal, In: jW, 28.02.2009/Wochenendbeilage/Seite 3.)

In (18) referiert Pirker auf die Antisemitismusvorwürfe, die aufgrund des Boykottaufraufs Dierkes geäußert wurden. Mit dem verbalen Lexem unterschieben wird die Äußerung des Antisemitismusvorwurfs beschrieben. Das negativ konnotierte Verb beschreibt böswilliges unterstellen, eine Behauptung von etwas Falschem mit böser Absicht. Kritik am Antisemitismus ist demnach nicht berechtigt, sondern eine böswillige Unterstellung oder gänzlich falsch. Der indirekte Sprechakt (18.1) kritisiert weiterhin eine angebliche Meinungszensur in Deutschland, die bezüglich legitimer Israelkritik herrscht. Auf den Inhalt der Kritik wird mit dem Lexem Subtext referiert. Subtext trägt die Bedeutung GEMEINTES, BEDEUTUNG, NICHT EXPLIZIT GEÄUSSERT. Der Inhalt des Subtexts wird mit der Wortgruppe Kauft nicht bei Juden verbalisiert. Diese ist der Sprache der Nationalsozialisten entnommen. Mit dem am 01. April 1933 offiziell beginnenden Boykott jüdischer Geschäfte, Arztpraxen und Rechtsanwälte wurden diese und ähnliche Schriftzüge an Geschäfte und Praxen angebracht. Dieser Boykott war Teil der gezielten Vernichtung des europäischen Judentums. Diese Wortgruppe wird explizit wiederaufgenommen.

(19) Wer die zionistische Gewaltorientierung einer grundsätzlichen Kritik unterzieht, wer es auch noch wagt, ökonomische Strafmaßnahmen gegen die andauernde Verletzung des Völkerrechts zu fordern, weil ohne westliches Sponsoring die israelische Kriegspolitik längst an ihre Grenzen gestoßen wäre, der sieht sich in die Rolle eines antisemitischen Randalierers gestellt, der »Kauft nicht beim Juden« grölt. (Pirker, Werner: Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal, In: jW, 28.02.2009/Wochenendbeilage/Seite 3.)

Mit (19) wird abermals auf die Wortgruppe referiert. Durch die Repitition wer die zionistische…/wer es auch noch wagt… wird die Dringlichkeit und Rechtmäßigkeit der Kritik am Zionismus und an Israel verstärkt. Diese »guten« Kritiker stehen einem Meinungsdiktat gegenüber. Das Lexem gestellt werden beschreibt die Kritik am Antisemitismus als ein Meinungsdiktat, dass jegliche vermeintlich »ungefährlichen« Äußerungen kritisiert und den/die SprachproduzentInnen absichtlich verleumdet.
In der Abwehr der Antisemitismuskritik wird der Wunsch nach nationaler Entlastung und einem Ende der Erinnerungskultur verbalisiert, wenn die Kritik, wie in (20), implizit als eine ewige Erinnerung an Auschwitz gekennzeichnet wird.

Weil der zurückgetretene Duisburger OB-Kandidat die Möglichkeit eines Boykotts israelischer Waren in Erwägung gezogen hatte, wird ihm eine Schuld unterstellt, die bis an die Rampe von Auschwitz zurückreicht. (Pirker, Werner: Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal, In: jW, 28.02.2009/Wochenendbeilage/Seite 3.)

Antisemitismuskritik wird als Meinungsdiktat delegitimiert, wenn indirekte Vergleiche mit dem Nationalsozialismus gezogen werden, wenn die Kritik mit dem in der jW pejorativ konnotierten Adjektiv antideutsch beschrieben oder als diffamierend und verräterisch charakterisiert wird.

Die Unkultur der »Antideutschen« ist mittlerweile zur deutschen Leitkultur aufgestiegen. Besonders exzessiv wird sie in Teilen der Linkspartei gepflegt. Davon zeugt nicht nur die prozionistische pressure group »BAK Shalom«, die bei der Entlarvung von Antizionismus und Antiamerikanismus den denunziatorischen Eifer von Blockwarten der westlichen Wertegemeinschaft an den Tag legt.(Pirker, Werner: Werner: Antideutsche Leitkultur. Der Schwarze Kanal, In: jW, 28.02.2009/Wochenendbeilage/Seite 3.)

Mit dem negativ konnotierten Lexem Leitkultur wird auf die Debatte um die Integration von MigrantInnen referiert, die 2000 und 2007/2008 politische Diskussion um Integration und Multikulturalismus dominierte. Die Wortgruppe Unkultur der Antideutschen referiert auf die Solidarität dieser Strömung mit dem Staat Israel und auf das Ablehnen eines spezifisch deutschen Nationalismus. Mit dem Wissen um die marginale Rolle, die »die Antideutschen« in
der deutschen Öffentlichkeit spielen (Verfassungsschutzbericht, 2008) und der Kenntnis der empirischen Befunden über die antisemitischen Einstellungen in Deutschland (Leibold & Kühnel, 2009) sowie den Kenntnisstand über den Antisemitismus der Mitte, ist die Aussage in (21) eine Übertreibung. Mit dem Lexem Blockwart wird ein der Organisationsstruktur des Nationalsozialismus entspringendes Substantiv verwendet. Als Blockwarte wurden die rangniedrigsten Funktionäre der NSDAP bezeichnet. Mit diesem Lexem werden die Mitglieder des BAK Shalom indirekt mit Nationalsozialisten und deren »Arbeit« gleichgesetzt. Außerdem ist die Implikatur ISRAELKRITIKER/INNEN SIND ÄHNLICHEN REPRESSIONEN AUSGESETZT, WIE VERFOLGTE DES NATIONALSOZIALISMUS möglich. Dies passt in die linksdeutsche, antifaschistischen Tradition, der sich die jW zugehörig fühlt. Damit wird die Verfolgung und Denunzierung während des Nationalsozialismus bagatellisiert als auch die legitime Kritik am Antisemitismus ad absurdum geführt.
Abwehr der Antisemitismuskritik und Legitimierung von Israelkritik sind weiterhin antisemitisch, wenn als persuasive Strategie jüdische oder israelische Autoritäten herangezogen werden. Die »jüdischen Kronzeugen« sind diejenigen, die qua ihres jüdischen Glaubens die Rechtmäßigkeit der Israelkritik messen und über die antisemitische Qualität von Aussagen richten können und dürfen. Zum Beispiel werden Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, folgende Fragen gestellt.

(22) Ist es für Sie antisemitisch, zum Boykott israelischer Exportwaren aufzurufen, wie es Hermann Dierkes, der Duisburger OB-Kandidat der Linkspartei gemacht hat? Er ist am Donnerstag nach massiven Angriffen auch aus der eigenen Partei als Fraktionsvorsitzender zurückgetreten. (»Ich rufe schon seit langem zum Boykott auf«. Der Zentralrat der Juden hat sich zum Sprachrohr der israelischen Regierung gemacht. Ein Gespräch mit Evelyn Hecht-Galinski, In: jW, 27.02.2009/Seite 8.)

(23) Ein Boykottaufruf wird hierzulande schnell polemisch zu dem Faschistenspruch umgemünzt: »Kauft nicht beim Juden«. Sollte man solche Appelle nicht unterlassen? (»Ich rufe schon seit langem zum Boykott auf«. Der Zentralrat der Juden hat sich zum Sprachrohr der israelischen Regierung gemacht. Ein Gespräch mit Evelyn Hecht-Galinski, In: jW, 27.02.2009/Seite 8.)

  1. Werner Pirker ist langjähriger Autor der jW. Aufgrund des Antisemitismus und Antiamerikanismus innerhalb der Redaktion der jW kam es 1997 zur Spaltung, die zur Gründung der Wochenzeitschrift jungle world führte. Bereits zu der Zeit wurde besonders Pirkers Antisemitismus kritisiert. [zurück]
  2. Wenn man noch von »den Antideutschen« sprechen kann, so kennzeichnet sie die Solidarität mit dem Staat Israel und das Ablehnen eines spezifisch deutschen Nationalismus (Verfassungsschutzbericht, 2006). »Den Höhepunkt ihres Einflusses auf den traditionellen Linksextremismus hat die ›antideutsche‹ Strömung inzwischen überschritten. Ihr wird in der Szene kaum noch Aufmerksamkeit entgegengebracht« (Verfassungsschutzbericht, 2008). [zurück]

Aus aktuellem Anlass: Das Konzept »Volk« in der »jungen Welt«

Auszug aus einer sprachwissenschaftlichen Arbeit über den Verbalantisemitismus in der linken Tageszeitung »junge Welt«. Hierbei wurden Artikel, die vom 01.01.2009 bis 29.02.2009 erschienen sind, analysiert.

Im dogmatischen Begriff des Volkes aber, der Anerkennung des vorgeblichen Schicksalszusammenhangs zwischen Menschen als der Instanz fürs Handeln, ist die Idee einer vom Naturzwang emanzipierten Gesellschaft implizit verneint. (Theodor W. Adorno)

Die auffällig häufige Verwendung des Lexems Volk und Determinativkomposita mit dem Head Volk, sowie die vielfache Verwendung von Lexemen aus dem semantischen Feld Dorf, Land um auf Palästina zu referieren, und die im Gegensatz dazu verwendeten Lexeme, die auf Israel referieren, erfordert eine genauere Betrachtung des Konzeptes Volk.1 Eine quantitative Untersuchung der Artikel der jW ergab, dass das Lexem »Volk« und »Bevölkerung« in Verbindung mit dem Adjektiv »palästinensisch« in fast jedem Artikel verwendet wurde. Im Vergleich dazu ist das Lexem »Armee« sehr häufig, »Bevölkerung« in Verbindung mit dem Adjektiv »israelisch« jedoch sehr selten zu finden. Ausgehend von Thomas Haurys Analyse des Antisemitismus von links (Haury, 2002) und der von Klaus Holz aufgestellten Theorie vom »nationalen Antisemitismus« (Holz, 2002) soll untersucht werden, inwieweit Äußerungen antisemitisch sind, die das »gute« palästinensische Volk zum »bösen« israelischen Staat in Stellung bringen.
Die These lautet, dass in diese Gegenüberstellung antisemitische Stereotype des modernen Antisemitismus einfließen und auf den israelischen Staat übertragen werden. Nach Haury bedarf das Konzept Volk permanenter Kommunikation zur Simulation, Bestätigung und Stabilisierung des Konzeptes.2 Hierbei werden vier Strategien aufgeführt:»[. . . ] die Insenzierung von Gemeinschaft, die Naturalisierung und Ethnisierung von Gemeinschaft, die Konstruktion einer identifikationsfähigen Nationalgeschichte sowie die Selbstidentifikation durch Feindmarkierung [. . . ]« (Haury, 2002, 55). Diese Konstruktion von identitären Kollektiven ist ebenso Teil des antiimperiastischenWeltbilds und Grundlage einer unkritischen Identifizierung mit dem »Volk«. In Haurys historischen Fallstudien wurde erörtert, inwiefern die Juden als »Feinde« der Nation, als »Volksfeinde« und die Eigengruppe »der Deutschen« als sich konträr gegenüberstehende Kollektive mit bestimmten Wesenseigenschaften vorgestellt wurden. Die Behauptung von vorgängiger »Natur« oder »Wesenhaftigkeit«, durch die die Angehörigen der Kollektive unabänderlich bestimmt sind, macht diese Gemeinschaften zu identitären Kollektiven. In der jW erfolgt eine Konzeptualisierung der Palästinenser als identitäres Kollektiv. Die Strategien zur Konstruktion von »Volk« und »Nation« sind in der jW in der Referenz auf Palästina und die Palästinenser zu finden. Zum einen ist die Strategie der Konstruktion einer identifikationsfähigen Volksgeschichte zu erkennen, die zum Beispiel die »Vertreibung« der Palästinenser thematisiert:

Die Koppelung von arabischem Patriotismus und Nationalismus verstärkte sich im Libanon, als die aus Israel vertriebenen Palästinenser 1948 in das Land kamen. Sie wurden in sogenannte Flüchtlingslager gepfercht, die es heute noch gibt. (Samaha, Imad: Globalisierter Krieg. Der Libanon und der Nahe Osten: Von der kolonialen Vorgeschichte der Gründung Israels bis zum heutigen Militärkapitalismus, In: rosa luxemburg konferenz 2009/Beilage der jW/28.01.2009.)

Ein weiterer Bestandteil dieser Volksgeschichtskonstruktion ist die zahlreiche Thematisierung und Verharmlosung der PLO, Hamas und Fatah und die Nichtakzeptanz dieser Organisationen durch die USA und Israel.

Mit großer Mehrheit haben die Palästinenser Hamas gewählt, um sie zu vertreten. Danach beschlossen die USA und Israel, daß die Palästinenser falsch gewählt hatten, und sie versuchen seitdem, Hamas zu zerstören. Zuvor wandten sich USA und israelischer Staat in derselben Weise gegen die Fatah und gegen die PLO. (Flounders, Sara: Bollwerk der Reaktion. Die endlosen Kriege verwickeln den US-Imperialismus in unlösbare Widersprüche. DieWahl Barack Obamas ist ein Versuch, sie zu bewältigen. Auszüge aus dem Referat, In: rosa luxemburg konferenz 2009/Beilage der jW/28.01.2009)

Hier wird das antisemitische Stereotyp vom Juden als »Volksfeind« und vom Juden als »Feind der Nation« verbalisiert. Dies wird, markiert durch das Verballexem zerstören, auf den Staat Israel übertragen, der die vom palästinensischen Volk gewählte Vertretung vernichten will. Die Strategie der Inszenierung von Gemeinschaft wurde bereits in der Lexemanalyse mit dem Hinweis auf die Lexeme, die auf die handelnden Akteure referieren, angedeutet. Auf die palästinensischer Seite wird meist mit Lexemen referiert, deren Bedeutungen mit KOLLEKTIV, NAMENLOS beschrieben werden können. Die Akteure auf israelischer Seite sind Einzelpersonen und Amtsinhaber. Durch diese Gegenüberstellung werden die Palästinenser als Kollektiv der Opfer dargestellt.

Unter den Toten sind 437 Kinder, 110 Frauen und 123 ältere Menschen. Weitere 5450 Menschen–1855 Kinder und 795 Frauen–wurden verletzt. (Göbel, Rüdiger: Gaza bleibt gesperrt, In: jW/23.01.2009/Seite 1.)

Durch die Zahladjektive als nähere Bestimmung der Lexeme Kinder, Frauen und Menschen werden die Palästinenser als kollektive Menge bestehend aus harmlosen Zivilisten beschrieben. Die Wörter Kinder, Frauen, Menschen sind positiv konnotiert und als »schwacher, hilfloser« Teil einer Bevölkerung mental gespeichert. Das Referieren mittels dem Lexem Kollektiv oder mit Determinativkomposita, die Kollektiv als 2. UK aufweisen, sowie die Verwendung des Adjektivs kollektive sind charakteristisch für das Referieren auf Palästina. Die Bedeutung des Wortes, also GEMEINSCHAFT, VERBUNDEN erweist sich, ebenso wie Volk und Nation als eine »imagined community«. Mit Hilfe dieses Lexems wird der Staat Israel, z.Bsp. die israelische Armee, in Stellung gegen die Palästinenser gebracht.

Die unverhältnismäßigen und willkürlichen Restriktionen, die die israelische Armee gegen den Waren- und Personenverkehr in den Gazastreifen hinein und von dort hinaus verhängt, stellen außerdem eine kollektive Bestrafung der gesamten Bevölkerung dar. (Verleger, Rolf: Kollektive Bestrafung. Israels Verbrechen an der Zivilbevölkerung in Gaza,
In: jW, 28.01.2009/Seite 10.)

Neben der einseitigen Berichterstattung, die israelische Handlungen als unverhältnismäßig und willkürlich beschreibt, wird die palästinensiche Bevölkerung, mit dem positiv konnotierten Lexem Bevölkerung beschrieben, der israelischen Armee gegenübergestellt. Die Wortgruppe kollektive Bestrafung referiert auf die Angriff Israels Anfang 2009.
Hier ist die dritte Strategie der Inszenierung eines Volkes, die Identifizierung durch Feindmarkierung, zu erkennen. Als Feind des palästinensischen Volkes ist der Staat Israel ausgemacht, der die Bevölkerung kollektiv bestraft. Mit der Wortgruppe kollektive Bestrafung wird auf die israelischen Angriffe der »Operation Gegossenes Blei« referiert. In dieser Argumentation werden antisemitische Stereotype verbalisiert. Die antisemitische Konzeptualisierungen (der Jude als omnipotenter Feind, als dämonische Erscheinung) werden auf Israel übertragen. Demgegenüber steht das »gute« Volk der Palästinenser (Frauen, Kinder, alte Menschen). Diese Gegenüberstellung wird in »[. . . ] binäre[n] Gegensatzpaare[n] [. . . ]« (Haury, 2002)3vom »bösen« Staat Israel und dem »guten« Volk der Palästinenser verbalisiert: willkürlich/unschuldig, kriegführend/verletzt, Besatzer/Besetzte, Kriegsverbrecher/Befreiungskämpfer, einmarschieren/vertrieben werden, besetzen/unterdrückt werden, abriegeln/eingepfercht sein. Israel wird somit als »totaler Feind« beschrieben, den man bekämpfen muss. Auch hier wiederholt sich die Projektion antisemitischer Stereotype auf Israel und das Einfliessen antisemitischer Konzeptualisierungen in die vermeintliche Israelkritik. Antisemitische Schriften mit Titeln wie »Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judenthum« von Hermann Ahlwardt aus dem 19. Jahrhundert können durch das Auswechseln der Lexeme zu potentiellen Titeln eines israelkritischen Artikels der jW werden: Der Verzweiflungskampf des palästinensischen Volkes mit Israel.
Die vierte Strategie zur Konstruktion von »Volk« und »Nation« beschreibt Haury als die Naturalisierung und Ethnisierung von Gemeinschaft. In der jW wird dem Staat diese »Natürlichkeit« abgesprochen. Hierbei werden antisemitische Stereotype (der Jude als Wurzelloser,Juden sind nicht »völkisch«) auf den israelischen Staat übertragen.

Ich behaupte noch dazu, daß diese schwarzen Sklaven mehr untereinander verbindet als die Jüdinnen und Juden, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus allen Himmelsrichtungen nach Palästina zusammengetrommelt wurden, obwohl sie aus verschiedenen Stämmen kamen und vielen heidnischen Religionen angehörten. Was wäre, wenn die Schwarzen der USA heute einen eigenen Staat beanspruchen würden? Anfang des 20. Jahrhunderts, waren da die Jüdinnen und Juden ein Volk? Eine Nation? Oder eine Religionsgemeinschaft? (Göbel, Rüdiger: »Die Widerständler sind die Kinder der Bevölkerung«. Gespräch mit Mamdouh Habashi. Über den Widerstand der Hamas, die Friedensunfähigkeit des zionistischen Staates Israel und deutsche Linke auf Abwegen, In: jW, 10.01.2009/Seite 1)

Mit dem Verb verbinden wird auf den eine Gemeinschaft zusammenhaltenden Fixpunkt referiert, der nicht näher bestimmt werden muss. Diese Verbindung wird den Jüdinnen und Juden durch den Vergleich mit den schwarzen Sklaven abgesprochen. Durch die rhetorische Frage Anfang des 20. Jahrhunderts, waren da die Jüdinnen und Juden ein Volk? und die Steigerung durch die Wiederholung rhetorischer Fragen mit gleicher Implikaturen-Lesart wird den Juden abgesprochen, ein Volk zu sein. Hierbei wird das antisemitische Stereotyp vom »wurzellosen« Juden verbalisiert. Die Palästinenser hingegen werden als mit dem Land Verwurzelte beschrieben:

Es (die Palästinenser) sind aber keine Fremdlinge, sondern in ihrer Mehrheit die Nachkommen der früheren Einwohner des heutigen Israels: Flüchtlinge und Vertriebene aus Israel vor, bei oder nach der Staatsgründung. (Verleger, Rolf: Kollektive Bestrafung. Israels Verbrechen an der Zivilbevölkerung in Gaza, In: jW, 28.01.2009/Seite 10.)

  1. Weitere Konzepte, die zukünftig analysiert werden könnten wäre das Konzept von „Moderne“ und „Kapitalismus“. Für die jW ist zu sagen, dass es keine expliziten Manifestationsformen antisemitischer Stereotype wie zum Beispiel das des „Geldjuden“ oder des „Wucherers“ zu finden sind. [zurück]
  2. Eine genaue Analyse der Entwicklung zu einem soziologischen Begriff der »Nation« kann hier nicht geleistet werden. Es sei auf u.a. Haury und Holz verwiesen. Als Grundlage soll hierbei die Definition von Volk in Anlehnung an Holz und Haury übernommen werden und als Basis der Analyse gelten. Volk ist eine »imagined community«, deren Existenz und Identität in einem absolut gesetzten Fixpunkt verankert ist und aus diesem hergeleitet wird. Charakteristisch für diesen Fixpunkt ist, dass er als vorgegeben gilt und nicht hinterfragt wird. Daraus folgt, dass die Existenz der Gemeinschaft (respektive auch Volk) nicht aufgrund einer Entscheidung ihrer Mitglieder besteht sondern Bestimmung ist. [zurück]
  3. Haury bringt Beispiele antisemitischer Stereotype, die »den Juden« der Eigengruppe der Deutschen gegenüberstellt, z.Bsp.: Arbeitsscheue/Arbeitsfreude, raffendes/schaffendes Kapital, Ausbeutung/Arbeit, Habgier/Bescheidenheit, Selbstsucht/Gemeinsinn, Egoismus/Aufopferung, zersetzend/staatenbildend, abstrakt-wurzellos/konkret-bodenständig, oberflächliche Zivilisation/wahre Kultur (Haury, 2002, 110) [zurück]

Zwei Bühnen, eine Meinung: Anne-Sophie Mutter geigt und Nena singt für Germany

Anne-Sophie Mutter und Nena (Oma und Mutter), die „Weltmarke[n] made in Germany“1, singen und geigen für die gleiche Sache, nämlich für ein „gesundes Nationalgefühl“. Anne-Sophie Mutter, enttäuscht darüber, dass Deutschland immer nur als Wirtschafts-aber nie als Kulturstandort von den Politikern erkannt wird, stellt fest:

Aber wir [die Musiker] bieten eine Grundlage, auf der sich ein Nationalgefühl gesund entwickeln könnte.

Klassische Musik zählt leider nicht mehr zur Definitionsmasse der Nation Deutschland und leistet somit dem dumpfen Nationalismus, „[…]der sich nicht mehr an klassischen Werten orientiert“2 Vorschub, so Mutter. Bildung („Man könnte an deutschen Schulen türkische Lieder singen und in den Noten nachschauen, warum sie anders klingen. Gleichzeitig würde sich ein Blick in die türkischen Momente in Mozarts ‚Entführung‘ lohnen.“) spielt natürlich eine große Rolle, doch auch Populärmusik kann beim Erhalt des Nationalismus mit klassischen Werten hilfreich sein.

Wir dürfen den Pop nicht vernachlässigen, auch wenn ich bei einigen Text-Passagen in Songs, die meine Tochter liebt, erröte.

Vor Freude rot werden dürfte Frau Mutter bei Nenas neuem Song, der Identifikationsstifter³ ist.

Germany, dich verlass ich nie
Meine Liebe, dich verlass ich nie
Du bleibst mein Germany

Oder ist das jetzt „hohler Nationalismus ohne klassische Werte“? Schwierig!

  1. http://www.gothaer.de/de/zg/kcpublic/mi/gothaer_magazin_/2008_august_/anne-sophie_mutter_/Anne-Sophie_Mutter.htm [zurück]
  2. http://www.gothaer.de/de/zg/kcpublic/mi/gothaer_magazin_/2008_august_/anne-sophie_mutter_/Anne-Sophie_Mutter.htm [zurück]

Schöne Sache (Silvester)

Reiss das Maul auf und beende diese Phase

[…]das Sprache trägt und zwar auch mich und was ich trage[…]1

„Du wirst schon sehen, was du davon hast“, mit diesem Satz auf sprachlich geäußerte Nonkonformität (Wahrheit, Ironie, Frechheit) zu antworten ist in höchstem Maß regressiv. Jene vermeintlich lapidare Äußerung vermittelt, dass (die angedeutete) Handlung konsequent Strafe nach sich zieht. Diese Strafe, und auch das wird dem Adressaten verklickert, ist unpräzise, spirituell (Vgl. Karma) und unbeeinflussbar, da zwar deutlich wird, dass die geplante Handlung oder Aussage Folgen haben wird, aber nicht welcher Art diese sein werden. Damit einhergeht, dass die zukünftige Konsequenz über die vernunftsmäßige Entscheidung oder subjektive Meinung gestellt wird. Zusätzlich wird durch dieses Statement jegliches nonkonformistische Handeln und Denken für nutzlos erklärt und letztlich das Gegenüber mundtot (≠ Maul aufreißen) gemacht.

  1. Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs, Geschichte Spricht [zurück]

Hennings Welt

Ähnlich wie Jostein Gaarder, der im August 2006 mit einem Artikel Israel das Existenzrecht absprach, ist nun auch Krimiautor Henning Mankell dabei, die „Israelfrage“ zu beantworten. Auf dem Blog der Gesellschaft für bedrohte Völker wurde Mankells Pamphlet veröffentlicht, nun aber wieder entfernt und sich seitens der GfbV davon distanziert. Sowohl hier, als auch hier lässt sich Mankells Einstellung zu Israel verfolgen.
Grundsätzlich:

Was ich während dieser Reise sah, war völlig eindeutig: der Staat Israel ist in seiner gegenwärtigen Form ohne Zukunft.

1
Mankell kann nicht nur mürrische Krimis schreiben, er kann auch die Zukunft voraussehen:

Israel wird es genauso ergehen wie Südafrika unter der Apartheidzeit. Die Frage ist nur, ob die Israelis Vernunft annehmen werden und freiwillig einer Abwicklung des Apartheidstaates zustimmen werden. Oder ob es zwangsweise geschehen wird.

2
Außerdem ist interessant, dass in Hennings Welt die Israelis mit ihrer Besetzungspolitik an den palästinensischen „Selbstmordbombern“ Schuld haben:

Ist es verwunderlich, dass ein Teil von ihnen desperat ist, wenn sie keinerlei Ausweg aus diesem Leben sehen, dass sie sich entscheiden, sich in einen Selbstmordbomber zu verwandeln? Wohl kaum oder? Verwunderlich ist nur, dass es nicht mehr tun.

Auch der Antisemitismus ist kein Antisemitismus, sondern „normaler Hass“:

Ich stiess auf meiner Reise auf keinen Antisemitismus. Hingegen auf einen normalen Hass auf die Besatzer. Es ist wichtig, diese Dinge auseinanderzuhalten.

Dinge auseinanderhalten ist in Hennings Welt ziemlich wichtig, zum Beispiel die Frage nach Privilegien. Von diesen haben die Israelis sowieso zu viele:

Wenn Veränderungen kommen, wird es von dem einzelnen Israeli abhängen, ob er oder sie bereit ist, auf seine Privilegien zu verzichten und in einem palästinensischen Staat zu leben (sic!).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Hennings Welt kein Platz ist für Israel, denn Israel zerstört Leben und muss deshalb zerstört werden:

Der Staat Israel hat nur eine Niederlage zu erwarten, wie alle Besatzungsmächte.Die Israelis vernichten Leben. Aber sie können nicht die Träume zerstören. Der Untergang dieses verächtlichen Apartheidsystems ist das einzig denkbare Resultat, da es notwendig ist. Die Frage lautet also nicht ob, sondern wann es geschieht. Und natürlich auch, auf welche Weise.

Edit:
Dank Google und diesem sogenannten Internet werden einige Reaktionen des Erfahrungsbericht explizit. Im „Schwedenforum“ kann man zugeben: „endlich sagts mal jemand“!

…der Vorteil, den die „intellektuellen Promis“ haben, ist zweifellos der, Dinge beim Namen nennen zu dürfen, ohne in die antisemitische Ecke gestellt zu werden, in die wir „Normalos“ bei gleicher Äußerung gestellt werden würden. Ich hoffe, dass noch viel mehr „Mankells“ den Mund aufmachen werden und vor allem müssen noch viel mehr Menschen Finkelsteins Buch lesen…

  1. http://www.palaestina.org/news/beitraege/zeigeBeitrag.php?ID=782 ; http://www.hintergrund.de/20090611410/politik/welt/von-apartheid-gestoppt.html [zurück]
  2. Ebd. [zurück]

Was ist, ist – Was nicht ist, ist möglich

Wie keine andere Kleinstadt des Ostens“ ist Jena von der Gentrification betroffen (Vgl. http://jena.antifa.net/ ). Dass Gentrification eigentlich die Aufwertung eines Stadtteils meint, wird dabei vergessen bzw. kann mensch es natürlich so sehen, dass Gesamtjena gentrifiziert ist (außer Lobeda und Winzerla?!). Blickt man jedoch mal über die Kernberge hinaus sieht die Sache anders aus. Das ostdeutsche Kleinstadtidyll Jena, bedroht vom Kulturschwund (Caleidospheres, Capitol), hohen Mieten und 20.000 Studierenden ist eben nicht Ostdeutschland. Dass Städte wie Münster oder Nürnberg, und eben auch Jena, auf aktivistische Wirrköpfe (KünstlerInnen, LiteratInnen, RaumpionierInnen) verzichten können, liegt wohl letztendlich daran, dass sie gesättigt sind. Was soll da erst „gentrifiziert“ und dann „entyuppisiert“ werden?! Doch in Chemnitz (Kleinstadt in Ostdeutschland, Stadt der Moderne, NPD, Stadt- und Landflucht, Wohnungsleerstand) sieht das anders aus. Hier ist man bemüht, die „aktivistischen Wirrköpfe“ gänzlich nach Leipzig zu schicken, obwohl Chemnitz (mit dem eigenen Niedergang im Nacken) eigentlich angewiesen ist auf eben diese „Aktivisten“. Mit der Besetzung der Karl-Immermann-Straße 23 am 20.06.2007 nahmen sich junge Leute das, was ihnen auf legalem Weg nicht genehmigt wurde: geilen Lebensraum. Die weitere Entwicklung zum Verein „Experimentelles Karree“ (das Karree um die Reitbahnstraße als soziokulturelles Zentrum zu nutzen) und der momentane Stand der Verhandlungen mit Stadtrat und GGG (führendes Wohnungsunternehmen der Stadt Chemnitz) sind im Reader nachzulesen.
Und dann wird auch deutlich, warum in (Ost-)Deutschland anscheinend gilt „Was nicht ist, kann niemals sein“ anstatt, wie es bei den Einstürzenden Neubauten heißt, „Nur was nicht ist, ist möglich“.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

Der MED-Club e.V., Studentenclub des Fachbereichs Medizin an der FSU Jena, lud zum Fasching in die Lougebar (nicht zu verwechseln mit: Lougenbrezel). Von Studenten für Studenten und gesponsert von Thalia (Bücher, Medien und mehr).

Arbeit ist geil

Die literarische Zukunft Deutschlands denkt einfach mal ganz unverbindlich ein bißchen über den Zusammenhang von Geld, Arbeit und Karma nach. Erstmal Basisthese aufstellen bzw. klauen:

„Der Kapitalismus ist in seinem Wesen zutiefst sozial“, schreibt Lotter.

Dann die These untermauern und selber eine aufstellen: Arbeit ist geil !

Nein, ich habe mir vorgenommen, nicht mehr für Geld zu arbeiten. Sondern für Karma. Deswegen versuche ich bereits während der Arbeitszeit mein Glück zu finden. Wie? Indem ich versuche meine Arbeit so zu gestalten, dass es viele Bedürfnisse deckt. Zum Beispiel das nach geistigem Wachstum, das nach Anerkennung und das nach sozialen Kontakten. Das ist sicherlich nicht in jedem Büro möglich. Aber dennoch erstrebenswert. Egal ob Frittenbude oder Architekturagentur.

Und wie schließt jeder gute SchülerInnenaufsatz ab? Genau! Mit einem Denkanstoß!

Komisch, warum sich die Menschen soviel Gedanken über Geld machen, und arbeiten bis zum Umfallen, um immer nur Geld anzuhäufen. Eigentlich müssten wir mit gleicher Intensität auch in unsere anderen Kapitale investieren: Zeit, Glück, guten Schlaf, gutes Essen, Kritikfähigkeit, Freundschaft und Liebe.

Von wegen Gemütlichkeit: Die letzten linken Studierenden sitzen in Jena

Das Interview [auch die Kommentare lesen =) ] schlug hohe Wellen, „Sie sind unter uns“ wird getitelt oder und alles in den richtigen Zusammenhang gebracht. Auch das Campusradio positioniert sich („[…]um sich dem braunen Treiben zu widersetzen wird in Dresden eine antifa organsiert um den Widerstand zu demonstrieren[…]“ Achso?): Wir sind dagegen. Fast drollig erscheint in diesem Zusammenhang, dass die unsäglichste Meinung von einem Unique-Redakteur höchstpersönlich stammt, mit dem eigentlichen Thema („Sollten wir Rechten wirklich einen Sendeplatz geben?“) anscheinend nichts zu tun hat und nur hier überhaupt Erwähnung findet:

Der dritte Weltkrieg
Hallo, mein Name ist Luca. Ich bin heute 6 Jahre alt. Ich würde bald in die Schule kommen, wenn ich für meine Mama und meinen Papa damals nicht gerade zu einer ungünstigen Zeit gekommen wäre. Es ist Krieg. Nur anders als wir es uns jemals vorgestellt haben. In diesem Krieg gibt es nur Verlierer. Wir sind Opfer und Täter gleichzeitig. Das Ziel unseres Krieges ist die Selbstverwirklichung. Dafür sind wir bereit einen hohen Preis zu zahlen. Wir opfern uns auf und kämpfen hart. Ging es im Zweiten Weltkrieg um die Verwirklichung einer kollektiven Rasselehre, so ist es nun die Verwirklichung desIndividuums. Das „unwerte“ Leben sind nun die mehr als 100.000 Föten, die allein in Deutschland jedes Jahr getötet werden. Dabei sind weniger als 3% aller Abtreibungen medizinisch oder kriminell begründet. Bedenkt man, dass dieser Krieg nun schon viele Jahrzehnte andauert, hat er vermutlich schon die größte Zahl an unbeteiligten und zivilen Opfern aller bisherigen Kriege. Wir verstecken uns so sehr hinter der Frage „Wann ist ein Mensch ein Mensch?“, dass wir ganz verpassen darüber nachzudenken, was das Töten unmoralisch macht. Ist es vielleicht doch grundsätzlich falsch, weil man das Opfer seiner Zukunft beraubt? Das sagt zumindest Don Marquis‘ „Valuable-future-like-ours“-Theorie. Das gilt dann ja auch für den ungeborenen Menschen im Mutterleib.1

  1. http://www.unique-online.de/ausgaben/unique_ausgabe_45.pdf, S. 15 [zurück]